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Suppenschildkröten und ihr Überlebensproblem

Das Leben der Suppenschildkröten (chelonia mydas) war von je her nicht besonders einfach. Es schien, als würde das Ende ihres Daseins eingeläutet, als sie im 18. Jahrhundert von den Briten als Delikatesse entdeckt und nur ein Jahrhundert später aufgrund ihres bekömmlichen Fleisches und ihrer Eier an den Rand ihrer Ausrottung gebracht wurde. Erst durch das 1988 in Kraft getretene Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen wurde sie unter internationalen Schutz gestellt. Dennoch ist fraglich, ob es die Suppenschildkröte im Erwachsenenalter unserer Kinder und Enkelkinder noch geben wird. Schuld trägt – wieder einmal – die anthropogene Klimaerwärmung.

Wie die Daten einer Studie, Anfang Januar 2018 im Current Biology(1) veröffentlicht, zeigen, sind über 99 % der im nördlichen Teil des Great Barrier Reefs lebenden Grünen Meeresschildkröten (Suppenschildkröten) weiblich. Bereits seit 20 Jahren ist ein Trend bekannt, nach dem die Anzahl weiblicher Exemplare in wärmeren Gebieten des Planeten deutlich höher liegt. Ein derartiges Ungleichgewicht wie es sich vor der Ostküste von Queensland (Australien) präsentiert, wo schätzungsweise 200.000 Weibchen in einer der weltweit grössten Ansammlungen von Suppenschildkröten ihre Brutstätte haben konnte jedoch zuvor noch nie beobachtet werden.

Temperaturabhängige Geschlechtsbestimmung

Das Geschlecht von Suppenschildkröten bei Geburt wird von der Inkubationstemperatur(2) der Eier bestimmt, welche die Weibchen in Sandlöchern verstecken (andere eierlegende Reptilien, bei denen eine temperaturabhängige Geschlechtsdetermination stattfindet sind Eidechsen oder Krokodile, bei einigen Vertretern aus der Unterklasse der Echten Knochenfische konnte ebenfalls eine temperaturabhängige Geschlechtsdetermination nachgewiesen werden(3)): Wärmere Bruttemperaturen in Nestern führen zu einer überwiegenden Anzahl weiblicher Exemplare, kühlere hingegen zu einer überwiegend männlichen Anzahl. Um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu erhalten wird eine Temperatur von 29,3° C benötigt.

Da es praktisch unmöglich ist, das Geschlecht von Suppenschildkröten innerhalb der Eier zu bestimmen, ohne dabei die Schale zu schädigen entnahmen die Forscher der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration Blutplasmaproben von 411 Exemplaren aus zwei verschiedenen Populationen junger Grüner Meeresschildkröten. Die Populationen siedelten entweder im südlichen, kühleren Gebiet des australischen Riffs, das andere aus dem wärmeren Gebiet im Norden. Eine DNA-Analyse offenbarte nicht nur das Ursprungsgebiet der Exemplare sondern, dass der Anteil der Weibchen aus dem südlichen Gebiet 65-69 % betrug während im nördlichen Gebiet 99 % Weibchen sind.

Ein simpler Plan für deren Rettung oder totale Ausrottung

Bei einem prognostizierten Anstieg der globalen Temperatur von 2,6° C für das Jahr 2100 könnten die nächsten Generationen das totale Verschwinden männlicher Suppenschildkröten beobachten und somit die Ausrottung einer weiteren Spezies. Einer Spezies, die bereits durch Verlust ihres Lebensraumes, rücksichtsloser Fischerei und Verschmutzung durch Kunststoffe bedroht ist.

Um die Spezies der Grünen Meeresschildkröten, die ein Alter von über 50 Jahren und eine Gesamtlänge von über 1,50 Meter sowie ein Gewicht von über 200 kg erreichen kann, zu schützen wäre es notwendig, die Nistplätze während der thermosensitiven Phase von 12 – 15 Tagen mit Schattenzelten auszustatten.

Ein recht einfach klingender Plan, der an menschlicher Gleichgültigkeit scheitern könnte.

 



(1) http://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(17)31539-7

(2) Temperatur, die die Eier während des Ausbrütens im Sand haben
(3) https://www.sciencedaily.com/releases/2008/07/080729234256.htm

  1. Gabi Laske says:

    Solange es grosse Länder gibt, die das alles als conspiracy theory abtun, muss die ‚Basis‘ um so bessere Ideen finden, die zu nachhaltigen Verbesserungen führen. Es ist ja schon ein Erfolg, dass die Schildkröten offiziell unter Artenschutz stehen. Aber es wird immer klarer, dass Artenschutz alleine nicht ausreicht.

    1. Martin Schmidt
      Martin Schmidt says:

      Danke für Deinen Kommentar, Gabi! Dass Suppenschildkröten LEIDER keine Ausnahme sind lässt sich bspw. aus einer Studie aus dem Jahr 2013 schlussfolgern, nach der 82 Prozent (!) der in Kalifornien endemischen Süßwasserfische aufgrund der Erderwärmung verschwinden oder ihre Bestände stark zusammenschrumpfen werden (University of California, Davis). Was die Sache noch gravierender und hoffnungsloser macht ist, dass (wie Mark Urban der Universität Connecticut und Experte auf dem Gebiet des klimawandelbedingten Artenaussterbens feststellte) in Studien zu diesem Thema unterschiedliche Methoden verwendet werden, sodass Wissenschaftler am Ende immer auf jene verweisen können, die ihren Standpunkt untermauern, d. h. selbst die Wissenschaft ist nicht in der Lage, eindeutig Stellung beziehen zu können! Je nachdem, welche Studie man sich ansieht, kann man zu einer übertrieben pessimistischen oder optimistischen Sichtweise kommen. Wie soll da die breite Öffentlichkeit reagieren? Die Biologin Janneke Hille Ris Lambers der University of Washington hat die Ergebnisse aus Studien zu Artenaussterben kurz und prägnant zusammengefasst: „Es ist ein Beleg dafür, dass wir die Erde in einen Zustand treiben, in dem sie vorher entweder noch nie war oder sehr, sehr lange nicht gewesen ist.” Die wenigstens sind sich tatsächlich bewusst, welches Ausmaß eine Klimaerwärmung von 2.6° geschweige denn 4.5° (schlimmste Prognose, die heute jedoch leider sehr, sehr realistisch ist) haben wird. Für viele ist das unvorstellbarer, als der Flug zum Mars.