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Der böse Atheist. Der gute Gläubige.

Wer sind wohl böser? Moslems, Christen oder gar Atheisten?

Wer ist in Ihren Augen angesichts der Gräueltaten, die sich gerade auf der ganzen Welt abspielen, böse? Christen, Moslems oder Atheisten?

Lassen Sie sich ein wenig Zeit.

Formulieren Sie einen Gedanken.


Der Titel als auch die erste Frage des Blogbeitrages wurden absichtlich falsch formuliert und würden, sofern nicht umgehend korrigiert, nicht nur eine Grundsatzdiskussion über die Schwere verschiedener, in der Vergangenheit im Namen einer Ideologie oder Religion begangener, Gräueltaten heraufbeschwören sondern – was weitaus schlimmer wäre – die Schlussfolgerung implizieren, dass es unter verschiedenen Menschengruppen tatsächlich eindeutige Unterschiede gäbe und somit der Bildung eines Stereotyps und weiteren Ressentiments Vorschub leisten.

Haben Sie an die Atheisten gedacht?

Bei einer Studie, veröffentlicht am 07. August im Nature Human Behaviour(1), wurde der Frage nachgegangen, welches Verhalten der beiden Gruppen der Atheisten und Gläubigen als böser empfunden wird. Zur Beantwortung führten Forscher eine internationale Befragung mittels einer repräsentativen Urteilsheuristik (siehe unten, Infobox: Repräsentativitätsheuristik) durch. Während der Studie wurden 3256 Personen aus 13 Ländern befragt. Um einen möglichst guten Querschnitt zu erhalten wurden Länder berücksichtigt, in denen Religion essentiell ist (wie in den Arabischen Emiraten oder Indien) genauso wie Länder, in denen Religion weniger Bedeutung zukommt (wie Holland oder China).


Allen Probanden der Studie wurde als Beschreibung für einen bösen Menschen sinngemäß Folgendes zu lesen gegeben:

Definition einer bösen Person
Ein Mensch, der als Kind Tiere quälte und im Zuge einer fortschreitenden und ausufernden Gewalttätigkeit als Erwachsener 5 obdachlose Menschen verstümmelt und umbringt.

Schließlich wurde einer Gruppe von Probanden die Frage gestellt:

Was ist wahrscheinlicher?
A      Dass der Verbrecher Lehrer ist
B      Dass der Verbrecher Lehrer und religiös gläubig ist

Für eine andere Gruppe wurde Antwort B variiert:

Was ist wahrscheinlicher?
A      Dass der Verbrecher Lehrer ist
B      Dass der Verbrecher Lehrer ist und nicht an Gott glaubt

Das heißt, keiner der Befragten sollte eine direkte Aussage darüber machen, ob der Verbrecher ein an Gott Gläubiger oder Atheist gewesen sein könnte. Die Auswertung der Daten aus der Studie ergab, dass für eine Mehrzahl der Befragten das Verhalten des bösen Menschen, eines skizzierten Serienmörders, am wahrscheinlichsten dem eines Atheisten entspricht.

Repräsentativitätsheuristik
In der Repräsentativitätsheuristik (Urteilsheuristik), zu denen insbesondere die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Daniel Kahneman und Amos Tversky Untersuchungen anstellten (Linda-Problem) wird von einem Befragten die Wahrscheinlichkeit einer zutreffenden Antwort danach bewertet, wie genau sie zu bestimmten Prototypen passen und nicht nach logischen Gesichtspunkten.  Daher widerspiegeln die Ergebnisse aus einer Repräsentativitätsheuristik ein „Bauchgefühl“, welches ein Maß an Vorurteilen impliziert. Übertragen auf den vorliegenden Fall ist Antwort B logisch falsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Verbrecher zur Gruppe A gehört ist größer, da Antwort B lediglich eine Untergruppe von A darstellt.

Obwohl das Maß an Vorurteilen unter den Ländern zum Teil stark variiert wurde das unmoralische Verhalten mit deutlicher Mehrheit mit einem Nichtgläubigen assoziiert. Annähernd die doppelte Anzahl der Befragten entschied sich für Antwort B (ein Lehrer, der nicht an Gott glaubt). Lediglich in Finnland und Neuseeland fielen die Ergebnisse nicht ganz so drastisch aus. Das eigentlich Überraschende ist, dass sich Atheisten selbst zur wahrscheinlichsten Gruppe zählten.

Will Gervais, Psychologe an der University of Kentucky in Lexington und Koautor der Studie, kommentierte die Ergebnisse

I suspect that this stems from the prevalence of deeply entrenched pro-religious norms. Even in places that are currently quite overtly secular, people still seem to intuitively hold on to the believe that religion is a moral safeguard. Will Gervais

Eine weitere Erkenntnis aus der Studie ist, dass in sehr religiösen Staaten wie den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Indien die Befangenheit gegenüber Atheisten mitunter am höchsten war während sie in säkularen Staaten deutlich geringer ausfiel.

Auslöser für die (deutliche) Voreingenommenheit 

Maßgebend für die Beurteilung der Probanden könnte der Umstand gewesen sein, dass das definierte Böse bereits im Kindesalter in Form von Sadismus (Quälen von Tieren) in Erscheinung trat und auf das Fehlen moralischer Werte zurückzuführen ist. Moralischer Werte, wie sie durch eine religiöse Erziehung oder Religiosität im Allgemeinen vermittelbar sind. Es ist offensichtlich, dass selbst unter Atheisten Zweifel bestehen, ob eine ausreichende und derartig ausgeglichene Moralanschauung allein durch Unglauben oder Wissenschaft entstehen kann zumal gerade durch die Aufklärung anhand Wissenschaft der Gottglaube im Wechselspiel mit Logik in Fragen gestellt wurde noch bevor der Frage nach der Bedeutung von Religiosität nachgegangen, d. h. durch wissenschaftliche Methoden untersucht wurde.

Mittlerweile wissen wir ob der Wichtigkeit von Religion. Sei es durch die Forschung Thomas Bouchards, dem historischen und normativen Weg, den der Historiker Heinrich Winkler aufzeigt, durch Arbeiten des US-amerikanischen Anthropologe Scott Atran und anderen, der Hirnforschung im Speziellen. Und nicht zuletzt sollten Milliarden von Menschen Indiz genug sein, um verstehen zu können, dass Religion und Glaube für Menschen essentiell ist.

Mag sein, dass Religion und Glaube für Unterdrückung von Individuen oder Gruppen und anderen Denkweisen, insbesondere – doch nicht ausschließlich – im Mittelalter, verantwortlich gemacht werden können. Man erschafft jedoch keine bessere Welt indem man die Umstände anprangert und sich anschließend auf gleiche Weise borniert verhält. Vielmehr hat es den Anschein als wäre diese Fraktion dem offensichtlich unkontrollierbaren Drang ausgesetzt, sich durchsetzen zu müssen und somit Opfer eines gut erforschten und dokumentierten, menschlichen Verhaltens ist. 

Gerade Wissenschaftler wie Physiknobelpreisträger Weinberg, Neurowissenschaftler Harris oder Evolutionsbiologe Dawkins (die zugleich zur Riege der Neuatheisten zählen und sich unrühmliche Aufmerksamkeit verschafften indem sie sich mit einer sturen Vehemenz gegen die Unsinnigkeit von Religion und Glaube aussprachen) sollten es eigentlich besser wissen. Vielleicht gilt sogar der Anspruch, dass sie es hätten besser wissen müssen, denn sie sprechen nicht nur als Privatpersonen sondern auch als Wissenschaftler und verstärken somit die Kluft zwischen Religion und Wissenschaft einerseits. Andererseits vermitteln sie das falsche Signal Wissenschaft sei über alle Zweifel erhaben.

Egal, ob Atheist oder Gottgläubiger. Wir sind alle Menschen. Es muss uns gestattet sein, uns auch so verhalten zu dürfen.

Als abschließender Gedanke zu diesem Thema drängt sich die Frage auf, wie hoch unter den Serienmördern der Anteil der Atheisten und Gottgläubigen tatsächlich ist.


(1) http://www.nature.com/articles/s41562-017-0151