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Inwiefern die Welt bereits zu einem Dorf geworden ist

Mit dem Ausspruch „Die Welt ist ein Dorf“ verbindet man meist vertraute Dinge oder bekannte Menschen, denen man überraschenderweise an entfernten Orten begegnet. Mit Einführung des Internets und der damit verbundenen globalen Vernetzung sowie freizügigen Informationsdarbietung lässt sich das Sprichwort dahingehend uminterpretieren, dass dem Prinzip nach jeder über jeden alles in Erfahrung bringen kann und dieses Wissen über Andere dem typisch dörflichen Charme gleicht. Eine Interpretation im geografischen Sinne und auf globaler Ebene bezieht sich auf die Dichte urbaner Siedlungen und impliziert die Frage wie lange es wohl dauern würde, um von einem x-beliebigen Punkt auf der Weltkugel in die nächste, grössere Stadt gelangen zu können. Genau dieser Frage gingen Wissenschaftler nach und enthüllten dabei einige interessanten Dinge.

Eine internationale Gruppe aus Wissenschaftlern, Experten von Google und des von der University of Oxford betriebenen Malaria Atlas Project(1) erstellte im Rahmen einer Forschungsarbeit ein Kartenmodell, welches die aufzuwendende Zeit veranschaulicht um von einem beliebigen Punkt auf der Erde zur nächst grössere Stadt mit mindestens 50.000 Einwohnern gelangen zu können. Die im Januar 2018 im Nature(2) veröffentlichte Arbeit beleuchtet ebenso Aspekte der Urbanisierung, der Zugänglichkeit von Dienstleistungen sowie ökonomische Ungleichheiten.

In 30 Tagen nach Australien und in 80 Tagen um die Welt
Von Francis Galton 1881 in den „Proceedings of the Royal Geographical Society“ veröffentlichte Isochronische Karte.

Bereits 1881 wurden von Sir Francis Galton, Naturforscher und Schriftsteller sowie 1889 von Collins Bartholomew, einem sehr angesehenen Familienunternehmen aus Schottland welches für König Georg V. und das englische Königshaus tätig war, die ersten Erreichbarkeitskarten (Isochronenkarten) erstellt, aus denen man, von London ausgehend, die Reisezeit zu einem beliebigen Punkt der Erde herauslesen konnte.

Es mag verwundern, dass Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt bereits knapp 10 Jahre zuvor (1873) erschien und er somit nicht auf offizielle Daten, wie sie bspw. aus Isochronenkarten jener Zeit hervorgingen, zurückgreifen konnte.

Wie man heute weiß basierte Jules Vernes fantastische Reise auf realen Erlebnissen, die der US-Amerikaner George Francis Train während seiner Reise 1870 rund um den Erdball erlebt hatte. Erst durch die Eröffnung des Suez-Kanals sowie den Bau der Einbahnstrecke quer durch den nordamerikanischen Kontinent (beides 1869) wurde das Unterfangen In 80 Jahren um die Welt überhaupt erst möglich.

Vom „Intelligent Life“ Magazine ausfindig gemachte Karte von John G. Bartholomew, der die Karte 1914 im „An Atlas of Economic Geography“ erstmals veröffentlichte.

Anhand der 1881 und 1889 veröffentlichten Karten mutete Jules Vernes fantastische Erzählung nicht länger wie eine eine Utopie vielmehr als durchaus realistisches Szenario an. Sofern man – wie Phileas Fogg oder George Francis Train, der die Reisedauer in späteren Jahren um 20 Tage verkürzen konnte – über ausreichend finanzielle Mittel verfügte.

In 24 Stunden um den Globus

Heute hat sich aufgrund des technologischen Fortschrittes die Reisedauer zu jedem x-beliebigen Punkt auf dem Erdball nochmals deutlich verkürzt. Des Weiteren – und nicht weniger bedeutend – ist der notwendige Zugang zu Einrichtungen der Bildung und sanitären Versorgung sowie Wirtschaftsräumen in Ballungsgebieten durch interurbane Infrastrukturen vereinfacht worden.

Sich geografische und klimatologische Unterschiede vor Augen führend – man denke an für uns unwirtliche Gebiete – erscheint auf den ersten Blick klar zu sein, dass es auch im 21. Jahrhundert auf fast allen Kontinenten abgeschiedene und schwer zugängliche Gebiete gibt.

Reisezeit zu einer urbanen Siedlung mit 50.000 Einwohner Quelle: THE MALARIA-ATLAS-PROJEKT(1)
Die Projektidee und die Ergebnisse

Um diese Intuition sicht- und fassbarer zu machen ermittelten die Forscher die benötigte Dauer, um von einem beliebigen Punkt(3) auf der Erde zur nächsten Stadt mit 50.000 Einwohnern gelangen zu können. Hierfür wurden die Daten der Open Street Map mit jenen aus der Google-Street-Datenbank in Beziehung gesetzt und ausgewertet. Man erhielt eine für das Jahr 2016 aktualisierte Übersicht mit dem weltweiten Zugang zu großen urbanen Siedlungen. Als mögliche Transportwege wurden lediglich Straßen, Eisenbahnen sowie Wasserwege berücksichtigt.

Die Auswertung der Daten bestätigte, dass ca. 80 % der Weltbevölkerung weniger als 1 Stunde von einer grösseren Stadt entfernt leben wobei es einen signifikanten Unterschied zwischen Länder mit hohem und niedrigen Einkommen gibt: In Gegenden mit niedrigem Einkommen – insbesondere in der Sub-Sahelzone – verfügen nur 50,9 % über die Annehmlichkeit eines vereinfachten Zuganges während es in Ländern und Gegenden mit höheren Einkommen 90,7 % sind, d. h., dass eine direkte und starke Korrelation zwischen Einkommen und Zugang zu notwendigen Dienstleistungen besteht. In Anbetracht der Zielsetzung der Vereinten Nationen bezüglich einer nachhaltigen und fairen Entwicklung sollte dies in Erinnerungen bleiben.

Während teilweise die intuitive Meinung widergespiegelt wird – so zum Beispiel, dass tropische und aride oder gar hyperaride Gebiete trotz hoher Einkommen isoliert sind (Australien) – zeigt sich mit etwas Überraschung, dass trotz einer Fülle an ländlichen Gebieten lediglich ein kleiner Prozentsatz fern einer grösseren Stadt lebt (Nordamerika).

Der Vergleich historischer Erreichbarkeitskarten und der aktuellen zeigt zudem, dass jene Gebiete, die früher deutlich schwerer erreichbar waren auch heute noch weniger dicht besiedelt, über weniger Infrastruktur verfügen und nach wie vor isoliert sind (weite Teile Kanadas und Nordrusslands, Sahara und Amazonasgebiet, Grönland sowie der australischer Outback).

In Anbetracht einer steigenden Gefahr durch die Erwärmung des Planeten muss auch in Erwägung gezogen werden jene Gegenden dichter zu besiedeln, die momentan noch als Einöde oder schwer zugänglich bezeichnet werden.  So wie Jules Verne eine Reise in 80 Tagen um die Welt vorwegnahm müssen ernsthafte Konzepte für die nächste Grosse Migration(4) oder Völkerwanderung erarbeitet werden.

 


(1) https://map.ox.ac.uk/
Das Projekt wird vor allem unterstützt durch die Bill and Melinda Gates Foundation, dem Medical Research Council  sowie dem Wellcome Trust

(2) https://www.nature.com/articles/nature25181, vollständige Abhandlung siehe hier
(3) Tatsächlich handelt es sich nicht um Punkte sondern Flächen von 1 km²
(4) Great Migration, eine zwischen 1910 und 1930 stattgefundene Auswanderung von Afroamerikanern aus den Südstaaten in die Staaten des Mittleren Westens

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