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Die Menschheit, Gewalt und Weltfrieden

Die beiden Begriffe Menschheit und Gewalt sind unweigerlich miteinander verknüpft und lassen sich auch heute im modernen Zeitalter nach Episoden der philosofischen Aufklärung sowie technischen Fortschritts nicht entkoppeln. Entgegen der vorherrschenden wissenschaftlichen und öffentlichen Meinung ist die moderne Zivilisation nicht weniger kriegerisch und gewalttätig als alte Populationen von Jägern und Sammlern oder jenen, die in Stammesgemeinschaften zusammenleben. Lediglich die Art der Waffen sowie der prozentuale Anteil an Todesfällen während Auseinandersetzungen oder Konflikten hat sich verändert.
Abb. 1: Die Abbildung illustriert, dass es im Laufe der Jahrhunderte bezüglich der durchschnittlichen Todesrate bei Konflikten und Auseinandersetzungen durchaus ruhigere Zeiten gab. Aktuell sollen wir uns laut des Evolutions-psychologen Steven Pinker in einer friedfertigeren Periode befinden, (Quelle: Our World in Data, Max Roser, Anmerkungen von zdF in orange)

Nach einhelliger Meinung und überwiegender, wenn auch geteilter wissenschaftlicher Überzeugung sind wir in eine recht friedvolle Zeit hineingeboren, die im Vergleich zur Vergangenheit weniger gewaltvoll ist. Der bekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker der University of Havard in Boston schlussfolgerte in seinem kontrovers diskutierten Buch von 2011 The Better Angels of Our Nature: Why Violence has Declined (dt.Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit), dass der homo sapiens nach den verheerenden Kriegen und gewaltvollen Auseinandersetzungen in seiner Geschichte nun die stabilste und friedvollste Epoche seiner gesammten Existenz durchleben wird. Nach Pinker hat der moderne, sich in Staaten organisierende und zusammenlebende Mensch, kriegerische Auseinandersetzungen weitestgehend hinter sich gelassen und beginnt eine Zeit, die weniger von Gewalt geprägt sein wird. Pinker stützt seine These des bevorstehenden friedlichen Miteinanders u. a. auf einen Vergleich der durchschnittlichen jährlichen Opfer von Gewalt oder Krieg pro 100.000 Individuen.

Eine Anthropolgiestudie, die Pinkers Ansichten hinterfragt
Abb. 2 Weltweite Anschläge durch Terrorismus im Jahr 1970 (Quelle: Our World in Data, Max Roser)

Die Anthropologin Dean Falk(1) der Florida State University und Charles Hildebolt(2) vom Department of Anthropology der Washington University veröffentlichten Mitte Oktober 2017 in der Wissenschaftszeitschrift Current Anthropology(3) eine Studie, die nun dieser These teilweise widerspricht. Für die Studie wurden demografische Daten sowie Daten über Opfer aufgrund Gewalteinwirkung oder Konflikten in 11 Schimpansengemeinschaften sowie 24 menschlichen Staatenverbunden gegenübergestellt. 19 menschliche Staatengemeinschaften nahmen am Ersten Weltkrieg, 22 am Zweiten Weltkrieg teil. Die Schimpansengruppen wurden in die Forschung miteinbezogen, da sie – wie Menschen – Individuen aus anderen Gruppen bekämpfen und sogar töten. Ein Verhalten, welches mit einer kriegerischen Handlung vergleichbar ist.

Die Auswertung der Daten zeigt, dass kleine, weniger oder nicht organisierte, minderzivilisierte Gemeinschaften weder gewalttätiger sind oder waren, dafür jedoch umso verwundbarer und schutzloser. Mit einem Bevölkerungswachstum und dem technologischen Fortschritt hat sich die Weise verändern, mit der Waffen Schaden anrichten. Während direkte Mann-gegen-Mann-Konfrontationen deutlich abnahmen haben Angriffe aus der Distanz (Luft- oder Raketenangriffe) oder großangelegte Überfälle zugenommen.

Abb. 3 Weltweite Anschläge durch Terrorismus im Jahr 2016 (Quelle: Our World in Data, Max Roser)

Kriege und Auseinandersetzungen im vorindustrialisierten Zeitalter erscheinen insofern heftiger und gewalttätiger, da bedeutendere Teile einer betroffenen Gemeinschaft dezimiert wurden. Wir fühlen uns nur deshalb sicherer, weil die Todesfälle pro Konflikt sich aufgrund des Bevölkerungswachstum auf eine größere Gruppe verteilt und somit der Anschein einer geringen Todesrate entsteht. Gemäß der Studie sind es aber gerade die bevölkerungsreichen Gesellschaften, die hinsichtlich einer friedlichen Entwicklung und Koexistenz über ein hohes Potential verfügen. 

Aufbereitung von Daten des PRIO und Conflict Catalog
Abb. 4 Bevölkerungswachstum in einigen europäischen Staaten seit 1500 (Quelle: Our World in Data)

Die frei zugängliche Plattform Our World in Data(4) ,(OWID) die gegenwärtig von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert wird hat Daten des PRIO (Peace Research Institute Oslo) sowie des Conflict Catalog(5) Peter Brecke(6) in der Weise aufbereitet (Abb. 1) anhand der gleichen Steven Pinker eine friedliche Zukunft zu erkennen glaubt (Todesrate aufgrund kriegerischen oder kriegsähnlichen Auseinandersetzungen bezogen auf 100.000 Individuen). Es wurden Auseinandersetzungen aufgrund Kriege genauso wie Völkermorde seit 1400 erfasst und ausgewertet.

Auch wenn es seit dem Jahr 1400 Phasen mit geringerer Konfliktdichte gab (1400 – 1450 und ca. 1685 – ca. 1778) hat diese zu Beginn des 19. Jahrhundert deutlich zugenommen. Die konstante Todesrate erklärt sich dadurch, dass die Bevölkerung in einigen europäischen Ländern im gleichen Maße anstieg (Abb. 4). Aus der  OWID-Darstellung  lässt sich ermitteln, dass es seit 1400 zwei Phasen mit erhöhter Konfliktdichte gab (ca. 1458 –  ca. 1685) und (ca. 1778 – 2000). Beide Zeiträume von erhöhter Konfliktdichte umfassten eine Dauer von ca. 225 Jahren. Eine durchgeführte Lineare Regressionsanalyse, der Conflict-Catalog-Daten ergab die Tendenz einer deutlichen Erhöhung der Todesrate seit 1400 (Trendkurve orange-farben  in Abb. 1). Dies würde der Meinung Steven Pinkers widersprechen, da eine Erhöhung der Todesrate bei gleichzeitiger Zunahme der Bevölkerung lediglich das subjektive Empfinden einer friedvolleren Koexistenz verstärkt. Dieses Empfinden wird dadurch abgeschwächt, dass globale Anschläge mit terroristischem Hintergrund in den letzten 40 Jahren drastisch zugenommen haben (Abb. 2 und Abb. 3).

Sofern es tatsächlich einen abwechselnden und wiederkehrenden Zyklus zwischen konfliktarmen und konfliktreichen Zeiten gäbe – so wie es die Darstellung des OWID suggeriert – werden wir in den nächsten Jahrzehnten, entsprechend der Ansicht Steven Pinkers, eine sehr friedvolle und ruhige Zeit erleben um in etwa 80 Jahren (wenn also die Erdölvorräte wieder einmal zu Neige gehen und der Klimawandel  endgültig seine hässliche Fratze zeigt) ein überaus konfliktreiches und dunkles Zeitalter zu beginnen: die Star Trek-Ära im 22. Jahrhundert.

 


(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Dean_Falk
(2) https://www.mir.wustl.edu/research/research-laboratories/electronic-radiology-laboratory-erl/people/charles-hildebolt
(3) http://www.journals.uchicago.edu/doi/10.1086/694568
(4) https://www.prio.org/
(5) http://pwp.gatech.edu/brecke/wp-content/uploads/sites/19/2014/11/PSS99_paper.pdf und http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/summary?doi=10.1.1.15.9141
(6) http://brecke.inta.gatech.edu

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