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Perverses Hollywood

Wir sind daran gewöhnt, verführt und in Welten und Zeiten versetzt zu werden, die jenseits und manchmal bar einer normalen Vorstellungskraft liegen. Wir werden mit filmischen Schicksalen und Tragödien konfrontiert, die von keinem einzelnen von uns Konsumenten in dieser Weise ersonnen werden könnte – auch wenn hier und da die Wirklichkeit als Vorlage verwendet wird. Die Produkte, die Produktionen, weckten mehr als einmal den Wunsch, das Leben möge doch so ablaufen wie in jenen Filmen, die wir konsumieren und letztlich bezahlen.
Für viele ist es eine Traumfabrik, die Bühne für Schauspielkunst, verknüpft mit einem unvorstellbaren und anzustrebenden Glanz und Gloria, in welchem Unmengen an Dom Perignon und Gelder fließen, zu Wohlstand führen, Schnickschnack und Schabernack erlauben oder für mancherlei Gerüchte sorgen. Wie es scheint steht es auch für Unehrlichkeit, äußerste Oberflächlichkeit und Verdorbenheit, es widmet sich dem einzigen Ziel (finanziell) erfolgreich zu sein und entsprechend dieser ersten Direktive ist es bestens in der Lage, sich selbst zu inszenieren und in überschwänglicher Art und Weise sich selbst beweihräuchernd zu feiern. Eigentlich wissen wir das schon lange. Und akzeptieren es.
Widerspiegelt das jetzige Vorgehen derjenigen, die vorgeben, sexuell attackiert, belästigt oder gar missbraucht worden zu sein nicht genau das Verhalten, welches sie an jenem Tag des Übergriffes zeigten und es im Rahmen einer kollegial-kollektiven öffentlichen Demütigung für die Einen und Genugtuung für die Anderen nach bester Vorlage der britischen Schriftstellerin Mary Shelley nun wieder tun?
Machen sie nach dem einfachen Grundsatz ME, TOO! nicht wieder einfach nur mit? Dieses Mal um sich Gehör zu verschaffen – denn es entspricht zweifelsohne der Berufung eines jeden ernsthaften Schauspielers – andererseits um der Öffentlichkeit als Ablenkung einen vermeintlichen Dämon zum vorverurteilten Fraß vorzuwerfen. Ist es nicht besser, einen oder zwei, vielleicht sogar drei zu opfern, einen Teil der Fassade der maroden Traumfabrik auszubessern, damit nicht das ganze, bedeutend schockierendere Schadensausmaß sichtbar wird und der Rest des Eisberges weiterhin im ungewissen Verborgenen, jenseits des unmittelbar Sichtbaren in aphrodisierenden Nebelschwaden weitertreiben kann?
Die vermeintliche Traumfabrik ist eine unternehmerische Gemeinschaft mit eigenen Gesetzen, ein kleines, überschaubares und unbeugsames, uneinnehmbares Universum, in dem normalerweise jeder weiß was tres chic ist und was gerade abgeht. Und offensichtlich besitzt in der erlauchten Gesellschaft kaum jemand die Zivilcourage und das Rückgrat zum richtigen Zeitpunkt Hose oder Rock festzuzurren und stattdessen den Mund aufzumachen – obwohl es zur Berufung des Schauspielfaches gehört. Alles dreht sich nur um die Produktion, um das Einspielergebnis. Und den eigenen Erfolg.
Edward Snowden ging es um wesentlich mehr. Die Snowden-Verfilmung, die kein US-amerikanisches Studio übernehmen wollte, war ein finanzielles Desaster, denn jeder weiß, was passiert, wenn man sich trotz hehrer Ziele gegen das Establishment stellt. Im Film wie im richtigen Leben.
Das alles wissen wir – und akzeptieren es. Denn wir wissen nicht was wir tun sollten, wenn es keine Filme mehr gibt und wir uns nicht mehr in jenen Traumwelten verlieren könnten, die uns auf einem goldenen Tablett präsentiert werden.
Doch – wovon ist eigentlich die Rede? Von Hollywood oder der Pornofilmindustrie?

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Ich stimme zu.

  1. Nicole says:

    Hier wurde vor allem die Öffentlichkeit aufs Kreuz gelegt.
    Vielleicht auch noch der Feminismus …
    Viele Frauen werden jeden Tag sexuell belästigt und auch genötigt, doch die wenigsten verdienen dadurch Millionen und noch weniger habe die Möglichkeit NEIN zu sagen und dadurch auf das viele schöne Geld, die Kariere und den Ruhm zu verzichten. Statt dessen kann man nämlich auch aufstehen, zur Polizei gehen, den Mund aufmachen, nicht Teil dieser „Industrie“ sein.
    Aber das wäre doch schon beinahe DUMM oder doch nicht?

    1. Martin Schmidt says:

      Das Beispiel Edward Snowden soll verdeutlichen, dass es sogar sehr dumm ist, sich gegen das Establishment, die Etablierten und Mächtigen, diejenigen zu wenden, deren Erfolg auch auf eine stillschweigend vereinbarte, mehr oder weniger organisierte Form der Omertà (ursprünglich: Schweigepflicht der Mitglieder der Mafia) zurückzuführen ist. Erst recht, wenn man Nutznießer dieses Establishments sein will.

      Mayim Bialik, die Darstellerin der amüsanten Amy Farrah Fowler in The Big Bang Theory und sich für Feminismus einsetzend hat Mitte Oktober in der New York Times einen tiefblickenden Meinungsartikel zur Affäre Weinstein und Hollywood verfasst. Auch wenn im Artikel die üblichen Stereotypen und Klischees benutzt werden sollte man ernstlich in Betracht ziehen, dass die Gleichung manchmal tatsächlich so einfach ist.

      Vielleicht war dieser Rundumschlag – auch in dieser Form – notwendig. Wie im Artikel angesprochen, wusste man in Hollywood sehr wohl vom abnormen Treiben einiger Produzenten oder Schauspieler. Die 2014 von Amy Berg abgefasste Dokumentation An Open Secret erzählt vom organisierten Kindesmissbrauch in Hollywood. Erst 2017, als diverse Produzenten das enorme Vermarktungspotential der Dokumentation erkannten (!) – eine Raubkopie wurde zuvor 900.000 Mal abgerufen – entschloss man sich, die Dokumentation offiziell vorzustellen. Wenn einem da das Filmeschauen nicht vergeht…