#

Das verhasste Spiegelbild eines Narzisst

Es widerspiegelt die andere Seite des Narzissmus: Narzisstisches Verhalten wird begleitet von schwankendem Selbstwertgefühl und tief verwurzelten, emotionalen Konflikten. Ein Narzisst zu sein – das heißt, sich selbst gegenüber in einem ungesunden Maß größte Bewunderung zu empfinden – wird in der Regel mit einer egozentrischen Persönlichkeit gleichgesetzt und als negative Eigenschaft empfunden. Doch die ganze Wahrheit hinter Narzissmus ist ein wenig anders.

Das Gehirn eines Narzisst

Neueste Untersuchungen und Forschungen, die in einem Artikel im Nature(1) zusammengefasst wurden könnten wesentlich dabei helfen, das Phänomen des Narzissmus gerade in Zeiten der Sozialen Medien besser zu verstehen lernen. Wie die Studie aufzeigt werden Männer, die eine hochgradig narzisstische Veranlagung haben und sich darum an ihrem eigenen Erscheinungsbild ergötzen, von Angstgefühlen und Beklommenheit richtiggehend aufgezehrt.

Die Hirnscans der Probanden zeigen die Unterschiede zwischen hohem Narzissmus (rot) und niedrigen (azurblau) Quelle: Universität Graz, Österreich

Im Rahmen der Sozialpsychologie, jenem Zweig aus Psychologie und Soziologie, der die Auswirkungen der tatsächlichen oder vorgestellten Gegenwart anderer Menschen auf das Erleben und Verhalten des Individuums erforscht, zeigen Personen mit nicht-pathologischem Narzissmus, d. h. einem Selbstbildnis, welches einen gerade noch in die Lage versetzt, ein normales Leben führen zu können, typische Erscheinungsformen wie Überlegenheits- oder Großartigkeitsgefühle. Die veröffentlichte Studie, welche im Fachbereich Psychodynamik an der Universität Graz durchgeführt wurde, unterstreicht hingegen Aspekte wie eine große Verletzbarkeit, ein instabiles Selbstwertgefühl sowie schwere emotionale Konflikte.

Die Aussagen der Studie werden durch Daten gestützt, die unter Zuhilfenahme von Magnetresonanztomographien (MRT) an Probanden mit verschieden hohen Graden an Narzissmus gewonnen wurden. Während den Teilnehmern ihr eigenes Erscheinungsbild vorgelegt wurde erfasste die MRT jene Hirnareale, die aktiv waren. Nach sozialpsychologischen Aspekten wäre zu erwarten gewesen, dass durch die Vorlage des eigenen Erscheinungsbildes jene Hirnareale besonders aktiv wären, die mit Selbstbelohnung, starkem Verlangen oder Genussreaktionen assoziiert sind.

Limbische System

Abb. Das Limbische System. Der graue Bereich ist der Anteriore Cinguläre Cortex.

Das Limbische System liegt im Inneren des Grosshirns oberhalb des Hirnstamms, hat einerseits zentrale Bedeutung für unser Gedächtnis und Lernvermögen. Andererseits ist es Ursprung unserer Gefühle und sendet dem Hirnstamm Informationen darüber wie wir etwas empfinden, damit unser Körper entsprechend reagieren kann(4). Der Anteriore cinguläre Cortex spielt bei autonomen (unbewusst ablaufenden) Prozessen wie Regulierung von Herzschlag und Blutdruck eine wichtige Rolle. Desweiteren ist er bei Emotionen, der Impulskontrolle sowie dem Prozess der Entscheidungsfindung beteiligt.

Stattdessen stellten die Wissenschaftler um Emanuel Jauk(2) bei Auswertung der Daten fest, dass bei hochgradig narzisstisch veranlagten Probanden jene Hirnareale im Limbischen System (Anteriorer cingulärer Cortex) aktiviert werden, die mit emotionalen Konflikten oder allgemein negativen Emotionen wie Wut, Widerwillen, Angst oder Schuldgefühlen verbunden sind. Bei Frauen hingegen zeigten sich keinerlei Zusammenhänge zwischen aktivierten Gehirnregionen und dem Betrachten der eigenen Erscheinung.

Trotz der überraschenden Ergebnisse, die die Forschungsarbeit lieferte – im Endeffekt erbrachte sie mehr Erkenntnisse über das Phänomen des Narzissmus als dies mit herkömmlichen Tests möglich wäre – ist die Teilnehmerbasis mit 43 Probanden zu gering um Definitives schlussfolgern zu können.


Narzissten und Soziale Medien

Nach einer Metastudie(3) von Timo Gnambs (Leibniz-Institut für Bildungsverläufe) und Markus Appel (Institut Mensch-Computer-Medien der Universität Würzburg), die bereits Ende März 2017 im Journal of Personality veröffentlicht wurde, stellen Soziale Medien ein neues und ideales Betätigungsfeld für Narzissten dar, da sie sich dort bestens präsentieren können. In ihrer Arbeit werteten die beiden Psychologen die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus 57 Studien mit mehr als 25.000 Teilnehmern aus 16 Ländern und 4 Kontinenten aus.

Entstehung von Narzissmus
Sehr häufig liegen die Ursachen für Narzissmus in der Kindheit und lassen sich auf einen Mangel an elterlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit oder Überfürsorglichkeit und Verwöhnung zurückführen. Ebenso spielt die genetische Veranlagung, wie ein Kind mit Reizen aus der Umwelt umgeht und diese verarbeitet eine wesentliche Rolle, genau so wie etwa eine dauerhafte Nichtbeachtung (Freundeskreis) oder ungerechte Behandlung im schulischen oder ausbildenden Betrieb.

Gnambs und Appel stellten fest, dass die Wahrscheinlichkeit für eine narzisstische Persönlichkeit hinter einem Profil auf Plattformen der Soziale Medien umso größer ist je häufiger ein Nutzer Bilder von sich hochlädt und je größer die Zahl seiner Freunde war. Alter und Geschlecht spielten dabei keine Rolle. Ebenso wurde festgestellt, dass jene Menschen mit narzisstischer Persönlichkeit weitaus mehr Zeit in ihren Netzwerken verbringen als andere.

Nach den beiden Wissenschaftlern trifft man die sogenannten großspurigen Narzissten häufiger bei Facebook, Twitter und Co. als die verletzlichen Narzissten. Letztere zeichnen sich durch eine starke Unsicherheit und Überempfindlichkeit im Umgang mit anderen Menschen aus und ziehen es vor von der Öffentlichkeit fern zu bleiben. Insbesondere in Ländern wie Indien oder Malaysia, in denen das Individuum weniger zählt als die Gemeinschaft oder in denen soziale und geschlechtsspezifische Rolle festgeschrieben sind, stellen soziale Medien für Narzissten eine gute Möglichkeit dar, da sie sich dort auf eine Weise präsentieren können, wie es ihnen in der heimischen Öffentlichkeit nicht möglich wäre.

 


(1) https://www.nature.com/articles/s41598-017-03935-y
(2) https://psychologie.uni-graz.at/de/dips/team/emanuel-jauk/
(3) http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jopy.12305/abstract
(4) weitere Informationen hierzu: http://www.gehirnlernen.de/gehirn/das-limbische-system-oder-das-s%C3%A4ugergehirn/